Mein Lauf zurück ins Leben

Engagement

Mai 2013. Ich erinnere mich noch an diesen einen sonnigen Tag. Jener, der mein Leben binnen Sekunden auf den Kopf stellen sollte. Es war angenehm warm und der Himmel strahlend blau. Mit meinen Röntgenbildern unter dem Arm geklemmt und Sonnenbrille auf der Nase, fuhr ich zur Gemeinschaftspraxis. Zum zweiten Mal. Zum zweiten Mal ohne jegliche Gedanken daran wie meine Rückfahrt nach Hause wohl verlaufen wird. Denn es kam alles anders als gedacht, erwartet, geplant.

An diesem einen Tag wurde ein Tumor unter meinem linken Brustbein festgestellt. „Non-Hodgkin Lymphom – 11 x 9 cm – so groß wie ein Handball.“ sagte mein Arzt und zeigte mir die CT-Aufnahmen. Peng! Hat hier gerade jemand mit einer Pistole geschossen? Er umkreiste mit einem Stift die Stelle und begann mir die weitere Vorgehensweise zu erläutern. Wie jetzt? Ich verstand kein Wort. Ich schaute ihn an und sah, wie sich seine Lippen bewegten. Hören konnte ich allerdings nichts. Zu viele Gedanken hämmerten mit voller Wucht von Innen gegen meine Stirn. Diffus, laut und ohne Plan. Ich verließ die Praxis, fuhr nach Hause und rannte die Treppen bis in den dritten Stock. Oben angekommen realisierte ich allmählich, was da gerade passiert war. Du hast einen Tumor, du hast Krebs! Schnell versuchte ich meinen Gedankenbrei zu sortieren und machte mir einen Plan. Ich beschloss in den Kampf zu ziehen. Von Angesicht zu Angesicht. Mein Gegner: der Tumor, der Krebs, Henry.

Seit der Diagnose ist viel passiert. Ich wurde operiert, bekam eine ordentliche Packung Chemotherapie, verlor meine Haare, mein gewohntes Aussehen, das ich seit über 30 Jahren kannte und verbrachte etliche Wochen im Krankenhaus. Es war keine leichte Zeit, aber dennoch eine, die mich vieles lehrte und mich stärker machte. Mich meinen Liebsten näher brachte und auch von einigen entfernen lies.

Fuckoffhenry_Schriftzug Kopie 2

Ich begann in meinem Blog Fuck off Henry über das Erlebte und meine Gedanken während dieser schwierigen Zeit zu schreiben und startete ihn für mich, meine engen Vertrauten und für all Diejenigen, die sich dem Thema annehmen wollen, ohne dabei ihr Lächeln zu verlieren. Ich möchte meinen Optimismus teilen und weitergeben. Vielen Betroffenen mit der Diagnose Krebs gelingt es oft nicht oder nur schwer positiv nach vorn zu schauen. Denen möchte ich zeigen, dass es sehr wohl funktioniert erhobenen Hauptes und mit jeder Menge Lebensfreude diesen schwierigen Weg zu bestreiten.

Vor einigen Tagen feierte ich meinen 2ten Zweit-Geburtstag, ohne Henry und lud Freunde und Familie ein, um diesen besonderen Tag gemeinsam mit mir zu verbringen. Am 9. Mai 2014 bekam ich den langersehnten und alles erleichternden Anruf meiner Ärztin, dass Henry nicht mehr da sei. Seither feiere ich meinen Geburtstag zweimal im Jahr und bin nach monatelanger Auszeit wieder zurück im Leben.

Auf einmal ist alles wieder in Bewegung. Es bewegt sich. Ich bewege mich. Und so habe ich meine kreative Ader wiederentdeckt und mit dem designen und verkaufen von temporären Tattoos begonnen FORNY sowie meine Leidenschaft für das Laufen entdeckt. Im April diesen Jahres lief ich sogar den 36. Berliner Halbmarathon mit einer Distanz von 21,5 km. Vor noch nicht all zu langer Zeit absolut unvorstellbar. Denn vor genau zwei Jahren betrat ich zum ersten Mal nach der Begegnung mit Henry wieder sportliches Terrain. No Sweat, No Candy!, so der Claim meines Fitness-Studios in der Nachbarschaft. Dank Beyonce im Ohr und Shakira in der Hüfte legte ich nach meinem damaligen Fitness-Alter einer gefühlt 70jährigen beim 32. AVON Frauenlauf meine erste 5km-Strecke laufend zurück. Ein großer Tag für mich und alle anderen Läuferinnen. Denn bei diesem Lauf geht es nicht nur darum, sich in Bewegung zu bringen, sondern auch ein Zeichen zu setzen für an Krebs erkrankte Menschen.

FONRY Tattoo_Sport

1 Euro der Teilnahmegebühr geht an die Berliner Krebsgesellschaft. Man kann jedoch noch mehr bewirken. Ich möchte gern noch mehr bewirken. Auf der eigens dafür erstellten Charity-Team Spendenseite gibt es die Möglichkeit Krebs-Betroffenen, die durch ihre Erkrankung in finanzielle Not geraten sind, Geld für den dafür vorgesehenen Härtefond zu spenden. Wer auch einen Teil zum diesjährigen Frauenlauf beitragen möchte und selbst nicht teilnehmen kann, wegen verlegter Sportschuhe oder Business-Termin in der Eisdiele, dem sei wärmsten das Spendeformular ans Herzchen gelegt.

Ich freue mich sehr darauf auch in diesem Jahr wieder dabei zu sein und den 5 km Startschuss für den 33. AVON Frauenlauf geben zu dürfen. Wir sehen uns am 21. Mai in Berlin!

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